DIY/FAQ:    --===> Neues vom schraubenden Akademiker ohne Plan <===--

IAA 2003, oder: Körperteilpunkte

Eigentlich wollte ich nach der Motor Show 2000 in Essen nie wieder auf eine Automesse. Nicht, weil der Eintritt zu hoch war oder die gezeigten Fahrzeuge enttäuschend - sondern einzig und allein wegen der nur zu gut bekannten, nervtötenden, prolligen und schlichtweg unerträglichen Besucherschaft, die in kürzester Zeit jeden halbwegs gepflegten kontaktfreudigen Partylöwen zu einem soziopathischen Wüsteneinsiedler mutieren lässt. Ihr wisst, wovon ich spreche: Tennissockenträger-in-Adventure-Sandalen-Träger, überparfürmierte NuttendieselträgerInnen ersten Ranges mit olfaktorischem Ordensband zweiter Klasse, mittelalterliche ich-nehm-alles-mit-was-ich-kriegen-kann-Butterfahrtlinge, spätpubertäre ich-sprech-doppelt-so-laut-und-will-um-jeden-Preis-auffallen-weil-mein-Penis-so-klein-ist-Südlinge, aus dem fernen Osten zugereiste ich-fotografiere-jeden-Mückenpfurz-Touristen und natürlich auch die ich-bin-behindert-deshalb-darf-ich-alles-Rollifahrer, die unbestätigten Gerüchten zufolge sowohl mit den mein-Kinderwagen-hat-immer-Vorfahrt-Ökomamas als auch mit den mein-Krankenkassen-Fahrgestell-ist-meine-Nahkampfwaffe-Pflegefälle-in-spe in direkter Linie verwandt sein sollen. Ja, Ihr seid gemeint! Und noch viele andere.

Eigentlich wollte ich Euch aus dem Weg gehen, wenn immer es möglich ist. Aber dann habe ich es mir anders überlegt. Warum nicht einmal zurückschlagen? Mit diesem Gedanken bin zur Internationalen Automobil Ausstellung (IAA) in Frankfurt gefahren. Und habe mich gründlich für alles gerächt. Aber lest selbst...

Sonntag abend, 20 Uhr: Ich bereite mich auf den IAA Besuch am nächsten Tag vor und packe folgende Utensilien in meine Luis Vuitton Aktentasche, die mir ein freundlicher, schwarzafrikanischer Verkäufer im letzten Strandurlaub zu einem Supersonderpreis überlassen hat:

  • meine selbstnachgemachte American Express Centurion Visitenkarte (wozu Schlecker Kundenkarten und Laserdrucker doch gut sein können...)
  • meine garantiert echte Rolex Oyster (die ich für einen kleinen Aufpreis auf die Luis Vuitton Tasche bekam)
  • einen toten Fisch vom Hamburger Fischmarkt
  • eine Tube Mayonaise
  • ein Wörterbuch Kisuaheli - Deutsch
  • ein gebrauchtes Kondom
  • eine gebrauchte Windel (luftdicht verpackt)
  • eine sehr teuer anmutende Visitenkarte mit adligem Namen
  • ein altes, aber funktionsfähiges Hörgerät vom Flohmarkt
  • ein DIN-A-4-Pappschild mit der Aufschrift "Ich grüße meine Oma in Brechen!"
  • eine kleine Flasche Nuttendiesel "Opossum Extra Strange"
  • ein Feuerzeug in Form einer Handgranate
  • eine Digicam mit leistungsfähigem Blitz.

Nachdem ich meinen besten Designer-Anzug aus dem Schrank geholt habe, ist die IAA Grundausstattung komplett. Ich hoffe, dass die Taschenkontrollen am Eingang nicht zu pedantisch sind, lege mich ins Bett, überlege mir vorm Einschlafen die wirkungsvollen Strategien, dem Sicherheitsdienst die Mitnahme dieser doch recht ungewöhnlichen Zusammenstellung an für sich harmloser Haushaltsgegenstände auf möglichst unverfängliche Art und Weise zu erklären, schwanke dabei zwischen einem überraschten "Oh - da hab ich wohl aus Versehen die Handtasche meiner Frau mitgenommen" (die Standardausrede, mit der man als Mann jeglichen Tascheninhalt mit einem mitleidsvollen Grinsen genehmigt bekommt - solange die Tasche nicht von einer Frau untersucht wird) und einem geflüsterten "ich bin in Wirklichkeit McGyver und man weiß ja nie..." und entscheide mich letztendlich für Variante eins.

Montag, 05:00 Uhr: Schon beim Aufwachen beschleicht mich das Gefühl von Vorfreude, das mir aus meiner Kinderzeit noch gut bekannt ist und das immer beim Aufwachen am Heiligabendmorgen vorhanden war. Motiviert springe ich aus dem Bett, begebe mich in die Dusche, pfeife dort gut gelaunt den Triumphmarsch aus AIDA, erledige die übliche Morgentoilette - für die unbedarften Leser: Nein, ich kämpfe nicht gegen das Klosett - springe in meinen Anzug, schnappe meine IAA Accessoires Tasche, begebe mich zum Bahnhof und entere den pünktlich einlaufenden ICE. In den knapp dreieinhalb Stunden bis Frankfurt gehe ich in Gedanken noch einmal den Ablauf der geplanten Aktionen durch und kann mir dabei ein diabolisches Grinsen nicht verkneifen.

6:30 Uhr: Zeit für einen Toilettengang. Ich wanke durch den Großraumwagenmittelgang und versuche dabei, möglichst vielen Reisenden auf die in den Gang hereinragenden Taschen, Zeitungen oder auch Gliedmaßen zu treten - quasi als Einstimmung auf den weiteren Tagesverlauf - und freue mich über jeden am Gang sitzenden Sandalenträger.

6:35 Uhr: Das erste Geschäft des Tages ist abgeschlossen. Ich betätige die ICE Toilettenspülung und sehe interessiert zu, wie mein Geschäft samt Toilettenpapier mit orkanartiger Wucht durch ein recht eng anmutendes Abflussrohr gesaugt wird. Dabei erinnere ich mich vage an eine Zeitungsartikel, in dem beschrieben wurde, dass die ICE Toilettenspülung - oder eher: das Toilettenleersaugen - durch den Luftdruck unterhalb des ICE-Waggons betätigt wird, frage mich wohin sich die Plörre eigentlich verteilt und füge den Beruf "ICE-Waggon-von-unten-Putzer" der Liste derjenigen Berufe hinzu, die ich auch unter Androhung von Folter nicht ergreifen werde.

07:30 Uhr: Ich bekomme Hunger und verputze fröhlich das mitgebrachte Knoblauchzwiebelbrötchen. Da ich Durst bekomme und zu einem zünftigen Frühstück auch ein leckerer Kaffee gehört, überlege ich einen Moment, ausnahmsweise doch einmal 5 Euro für einen Pappbecher mit brauner Plörre auszugeben, der zumindest von der Temperatur her die Illusion von Kaffeegenuss beinhaltet, entscheide mich wegen des unvermeidlichen Brechreizes nach dem Genuss dieser Chemikalie aber dagegen und sammele stattdessen 10 Minuten lang meinen Speichel, den ich dann mit einem herzhaften "GULP" auf ex hinunterschlucke. Was den positiven Nebeneffekt hat, dass mein Platznachbar seinen Sitzplatz verlässt und mir damit freundlicherweise ausreichend Platz für ein kleines Nickerchen überlässt.

09:30 Uhr: Frankfurt Hauptbahnhof. Ich verlassen den ICE, begebe mich in den Nahverkehrsbahnhof und sinniere 10 Minuten lang vor einem großen, roten Kasten mit vielen lustigen Knöpfen und kryptischen Zeichen darüber, ob das Lösen einer Karte für den ÖPNV (öffentlichen Personen Nahverkehr) einfacher wird, wenn mal ein paar Malinesische Verkehrsexperten nach Deutschland eingeflogen werden, um mit ihrem Know-how eine benutzerfreundliche Bedienung und Preisstruktur für den öffentlichen Nah- und Fernverkehr zu konzipieren.

09:40 Uhr: Ich stehe am S-Bahn-Gleis. Da ich nicht der letzte sein will, der in die S-Bahn einsteigt, lasse ich die erste S-Bahn zur Messe unverrichteter Dinge wieder abfahren, nachdem ich genau darauf geachtet habe, wo ich stehen muss, damit die S-Bahn-Tür unmittelbar vor meiner Nase hält. Was bei der nächsten S-Bahn auch der Fall ist. Die Tür öffnet sich direkte vor meiner Nase und ich grinse stolz die Menschen an, die dieselbe verlassen wollen. Aber nicht können, weil ich direkt vor der Tür stehe. Egal, mich kriegt da keiner weg!

09:45 Uhr: Ich sitze in der vollen S-Bahn mit meiner Tasche neben mir auf einer Sitzbank und überlege, ob im Mittelgang der gehbehinderte Epileptiker, die Hochschwangere mit dem kleinen Kind an der Hand oder das hochgreisige Ehepaar beim Beschleunigen und Bremsen der S-Bahn zuerst umfällt.

09:50 Uhr: Niemand fällt um. Mir wird langweilig. Ich stehe auf, begebe ich mich in den nächsten vollen Waggon, hole dort nach dem Anfahren der Bahn meinen Schwerbehindertenausweis aus dem Portemonnaie, halte ihn in die Luft und brülle laut "FAHRKARTENKONTROLLE". Als geübter Schwarzfahrer entdecke ich natürlich sofort die nervösesten Gesichter im Waggon und kassiere 20 Euro in bar vom ärmsten Schwein, das ich entdecken kann. Dafür erstatte ich natürlich ausnahmsweise keine Anzeige. Das Eintrittsgeld für die IAA ist damit im Sack. Bingo!

10:00 Uhr: Messegelände! Ich begebe mich schnurstracks Richtung Messeeingang und versuche dabei, so viele IAA-linge wie möglich zu überholen und der Erste zu sein. Zwar ist der Tag noch lang, die Schlangen sind noch lange nicht lang und ich habe es nicht eilig, aber schließlich geht es ums Prinzip!

10:15 Uhr: Ich sortiere mich vor einer Reihe von Kartenschaltern in die längste Schlange ein. Dabei achte ich penibel darauf, einen Abstand von 5 cm zum Hinterkopf meines Vordermanns nicht zu überschreiten und den vorhin gegessenen Knoblauch nicht wieder vollständig auszuhusten.

10:25 Uhr: Ich bin dran, frage die Dame am Kartenschalter freundlich
"Oleewa kraggi makusata akram IAA pallaga trabusko?"
und ernte Unverständnis. Ok, neuer Versuch:
"Clatu Verata Nictu?"
Die Dame schaut mich konsterniert an und signalisiert Unverständnis. Ich hole mein Kisuaheli-Wörterbuch aus der Tasche, blättere ein Weilchen darin, frage dann mit starkem und phantasievollem Akzent:
"Entschuldigen Sie viel bitte, macht es ihnen Umstände mir zu geben ein Geschlechtsorgan mit Beschreibung?"
und schaue die Dame flehend an. Leider habe ich es offenbar mit einem überdurchschnittlich intelligentem und abgebrühten Exemplar von Servicepersonal zu tun und bekomme ohne weitere Fragen meine Karte samt Messeplan. Noch nicht einmal einen unfreundlichen Gesichtsausdruck kann ich erhaschen. Na warte! Ich bezahle den geforderten Betrag, stecke das Rückgeld ein und kann es mir nicht verkneifen, mich mit einem liebenswürdigen Lächeln und einem ebenso liebenswürdig gesäuselten und natürlich akzentfreien
"Vielen Dank. Ich wünsche Ihnen noch einen wundervollen Tag!"
zu verabschieden.

10:30 Uhr: Eingang, Kartenkontrolle, Sicherheitskontrolle. Alles geht glatt; meine Tasche wird nur oberflächlich kontrolliert. Die Kaugummis werden mit einem warnenden Hinweis "aber nicht unter die Autositze kleben!" bedacht, die Handgranate fällt nicht weiter auf. Ich tippe auf ein US-Amerikanisches Sicherheitsunternehmen und beschließe, diese Aktion demnächst auf dem Hamburger Flughafen zu wiederholen.

10:35 Uhr: Ich bin drin. Das ist ja einfach! Ich bewege mich unauffällig mit dem Strom der sich durch die Gänge wogenden Massen, freue mich auf das kommende Vergnügen und beschließe, erst einmal eine Toilette aufzusuchen.

10:45 Uhr: Da es noch relativ früh am Vormittag ist, sind die Toiletten auch noch relativ sauber. Noch! Ich lasse die Pissoirs links liegen und betrete eine Sitztoilette, in die ich - natürlich im Stehen ausgiebig uriniere - natürlich ohne die Klobrille hochzuklappen. Ich verteile noch etwas Klopapier im Raum und verlasse die Toilette möglichst rasch ohne die Spülung zu betätigen und natürlich auch ohne mir vorher die Hände zu waschen. Das lohnt sich in Anbetracht des ganzen anstehenden Händeschüttelns mit den Ausstellern sowieso nicht. Stattdessen creme ich mir die Pfoten für die nächste Aktion gründlich mit Mayonaise ein

11:00 Uhr: Ich betrete zusammen mit geschätzten 2 Millionen Messebesuchern den Mercedes-Benz-Tempel. Dank einer Extraprise meines geschätzten Nuttendiesels "Opossum Extra Large", das ich mir vor dem Betreten in ausreichendem Maß über die Birne gesprüht habe, werde ich im Gedränge nicht allzu sehr eingeengt und gelange relativ schnell zu den die Menschenmasse nach oben schaufelnden Rolltreppen, auf deren schwarzes Griffband ich die an meinen Händen klebende Mayonaise so unauffällig wie möglich verteile.

11:10 Uhr: Ich starte meinen ersten Rundgang, beobachte die mit Staubwedeln an den Ausstellungsfahrzeugen herumhantierenden Studenten und lasse meine fettigen Hände leidenschaftlich über den Neulack und vor allem die wunderschön gewienerten Autoscheiben gleiten. Unglaublich, wie viel tolle Autos da rumstehen und gründlich untersucht werden wollen!

11:30 Uhr: Um ein besonders schönes Cabriolet schart sich eine dichte Meute aufgeregter und überwiegend älterer Jägermeister mit Bierbauch und Digicam. Ich drängle mich rücksichtslos ganz nach vorne und hantiere unbeholfen mit meiner Digicam herum, die dem fülligen Endfünfziger neben mir ganz zufällig aus kurzer Entfernung in die Augen blitzt. Ups, falsch herum! Ich entschuldige mich mit einem verlegenen Lächeln, das der füllige Endfünfziger mit den jetzt zugekniffenen Augen durch wilde Gesten mit seinen oberen Gliedmaßen zu quittieren versucht. Netter Mann!

11:45 Uhr: Ich stehe erneut vor einer aufgeregten und wild mit Digicams hantierenden Menschenmenge, die offenbar um das Ausstellungshighlight schlechthin - einen wunderschönen, unerschwinglichen Mercedes Flügeltürer - versammelt ist. Das wirklich einmalig schöne Fahrzeug wird durch eine Absperrung von Berührungen geschützt wird. Eine lange Schlange voller Prachtexemplare des typischen Messeprolls wartet darauf, von einem vermutlich bei C&A ausrangierten Model durch die Absperrung gelassen zu werden, um sich für ein paar Sekunden in das unerschwingliche Fahrzeug hineinsetzen zu dürfen. Das will ich auch!!!

Aber erst mal heißt es: Fotos versauen! Dabei gilt das Ziel, die eigenen Körperteile - welche auch immer - auf möglichst vielen Schnappschüssen der fotografierenden Meute zu platzieren. Für jedes versaute Bild gibt es imaginäre Körperteilpunkte: Je länger jemand darauf wartet, endlich auf den Auslöser zu drücken, desto mehr Punkte gibt es, wenn die Aufnahme dann durch einen Arm oder eine Hand versaut wird. Einen Bonus gibt es für das Anrempeln im Moment der Bildaufnahme. Hat der Angestoßene ein gefährlich aussehendes Tattoo, wird der Bonus verdoppelt. Handelt es sich nicht um eine Digicam sondern eine analoge Kleinbildkamera, bei der jedes verschossene Bild Geld kostet, gibt es noch mal Extrapunkte. Nach ca. 15 Minuten und einem neuen imaginären Highscore von 10.000 Körperteilpunkten verliere ich die Lust an der Sache und reihe mich in die Schlange der "unbedingt-einmal-in-einem-richtig-teuren-auto-sitzen-müssen-IAA-linge" ein.

11:55 Uhr: Dank einer neuen Prise Nuttendiesel, zwei Knoblauchbrötchen, ein paar laut schmatzend kauenden Kaugummis und ein paar nachhaltigen Blähungen bin ich relativ schnell am Ziel der Träume eines jeden IAA-lings: Ich darf mich in das absolute Mercedes-Benz-Messehighlight setzen, die Flügeltüren zumachen und alle Knöpfe und Schalter ausprobieren. Denn die Flügeltür ist zu und der Schalter, den ich zuerst gedrückt habe, ist für die Innenraumverriegelung zuständig. Mal schauen, wann die Meute draußen ungeduldig wird...

12:00 Uhr: Ich spiele euphorisch mit den ganzen verschiedenen Schaltern und Knöpfen herum und betrachte das ausrangierte C&A Model heimlich aus den Augenwinkeln. Die IAA-linge hinter der Absperrung schauen demonstrativ auf die Uhr. Das ausrangierte C&A Model schaut fragend zu mir, ich winke beruhigend zurück und signalisiere, dass ich gleich fertig bin.

12:05 Uhr: Die Meute vor der Absperrung wird langsam unruhig. Das C&A Model unterhält sich mit dem mir nachfolgenden Flügeltüreninsassen in spe, was mir die Gelegenheit gibt, den elektrischen Sitz ein bisschen nach vorne zu fahren, die mitgebrachte vollgeschissene Windel auszupacken und dahinter zu verstauen, den Sitz wieder zurückzufahren, die Tür zu öffnen, das Fahrzeug rasch zu verlassen, mich unauffällig hinter der Menschenmasse vor der Absperrung einzusortieren und das Gesicht des recht wütenden mit folgenden Flügeltüreninsassen zu beobachten, nachdem die Flügeltüren runtergeklappt sind und die Luft im Wageninneren nicht mehr nach außen entweichen kann. Wie vermutet ändert sich der Gesichtsausdruck meines Nachfolgers innerhalb sehr kurzer Zeit von euphorischer Begeisterung zu ausgesprochenem Ekel und seine Sitzung wird innerhalb kürzester Zeit beendet. Ich verlasse die Halle, bevor ich seine persönliche Bekanntschaft machen kann und freue mich, dass die nachfolgenden Flügeltüreninsassen in spe nicht mehr so lange warten müssen. Natürlich nicht ohne vorher den Ständer mit Autogrammkarten der Mercedes-Benz-Sportler zu plündern. Zwar weiß ich noch nicht, was ich mit 250 Autogrammkarten von Formel 1- und anderen Sportfahrern machen soll. Entscheidend ist einzig und allein, dass keiner mehr außer mir eine abbekommt!

12:10 Uhr: Ab geht's zum Nobelmarkenärgern. Ich schwanke noch zwischen Ferrari, Aston Martin und Maybach, entscheide mich wegen des kürzeren Weges aber für Ferrari. Leider habe ich nicht damit gerechnet, dass der Ferrari-Stand offenbar Treffpunkt der 1. bundesdeutschen Kegelbrüder-mit-roten-Ferrarimützen-klubtreffen ist. Ein Hindurchkommen zwischen dieser horrenden fleischigen Masse degenierierter, gröhlender, bierbäuchiger und weißsockiger 10-Zeller (für jeden Zylinder eine) ist hoffnungslos. Da ich mein Maschinengewehr nicht dabei habe und das Handgranatenfeuerzeug leider nur ein Feuerzeug ist, trete ich einen strategischen Rückzug an und beschließe, es vorerst einmal bei Aston Martin zu versuchen.

12:30 Uhr: Aston Martin! Das einzig wirklich standesgemäße Fahrzeug für Bond, James Bond! Dank der eingebauten Maschinengewehre auch sehr sinnvoll einsetzbar für Kegelbrüderklubtreffen auf der IAA oder Passat TDI's auf der linken Autobahnspur... aber das ist eine andere Geschichte.

Natürlich ist der komplette Aston Martin Stand Sperrgebiet. Der Eintritt erfolgt nur nach genauer Begutachtung des stellvertretenden Vorsitzenden des "Vereins für snobistische Lackaffen mit Kleiderbügel im Arsch e.V.". Also gut, jetzt heißt es: Guten Eindruck machen und versuchen, noch hochnäsiger und arroganter aufzutreten und dem Gegenüber mit einem Blick verstehen zu geben, dass man ihn für ein völlig unwürdiges Insekt auf dem Planeten hält, das man noch nicht einmal als persönlichen Eisenbahnwaggon-von-unten-Putzer der privaten ICE Luxuswaggons für einen Hungerlohn beschäftigen würde. Dank Einsatz meiner speziellen IAA-Visitenkarte, die ich natürlich so überreiche, dass meine garantiert echte Rolex Oyster genauso wenig zu übersehen ist wie meine AmEx Centurion klappt das auch hervorragend - und ich werde mit devotem Blick und leicht angedeutetem Buckel in das Heiligtum eingelassen. Die mir ausgestreckte Hand übersehe ich dabei natürlich. Weniger wegen des Standunterschiedes zwischen mir und dem gewöhnlichen Verkäufer als vielmehr wegen der Mayonaise auf meiner Hand, die ich kurze Zeit später liebevoll auf dem edlen Holz im Innenraum des 150.000 Euro-Sportwagens verteile. In einem unbeobachteten Moment schaffe ich es auch noch, den toten Fisch im Handschuhfach zu verstauen und das gebrauchte Kondom zwischen die hinteren Notsitze zu klemmen.

12:45 Uhr: Ich lasse mich dazu herab, mit einem weiteren Verkäufer - offensichtlich dem stellvertretenden Vorsitzen des "Vereins für bornierte Gesichtsausdrücke" - ein Gespräch zu führen und beobachte dabei den Sabber auf seinen Lippen, als dieser einen Blick auf meine gut gefälschte AmEx erheischt. Kurze Zeit später sitze ich in der VIP-Lounge, werde von ausrangierten Bond-Girls aus den 60er Jahren mit exklusiven Getränken versorgt und lasse mir von meinem Gegenüber meinen ganz persönlichen Aston Martin konfigurieren. Natürlich geize ich nicht mit Details, schließlich spielt Geld keine Rolle.

12:55 Uhr: Je näher der erwartete Vertragsabschluss rückt, desto triefender wird der Blick meines Gegenübers. Der ausliefernde Händler in Hamburg ist bereits ausgesucht, die Fahrzeugkonfiguration fast abgeschlossen. Fast.... denn eine Sache habe ich noch vergessen: Die Anhängerkupplung! Die muss natürlich dabei, schließlich kann ich mein Pferd auf dem Weg zum Polo nicht im spärlich bemessenen Kofferraum transportieren. Mein Gegenüber schaut mich mit einem Gesichtsausdruck eines Menschen an, dessen Gehirnzellen spontan von allen neuronalen Zwangsverflechtungen befreit worden sind und deshalb freiflottierend durch den Schädelraum wabern - auf der Suche nach einem bekannten Muster, nach dem sie sich neu orientieren können. Ich frage noch einmal freundlich nach der maximalen Stützlast der Anhängerkupplung für meinen Traumwagen und bemerke, dass die bornierten Gesichtszüge meines Gegenübers in sich zusammenfallen wie ein gerade aufgehender Brandteig im Ofen bei zu früh geöffneter Ofentüre. Da ich auf meine Frage keine Antwort mehr bekomme sondern nur eine Art entsetztes Japsen wahrnehme, verschwende ich hier keine weitere Zeit mehr und verlasse den Verein. Dann halt nicht! Auf zu BMW!

13:30 Uhr: Ich betrete die hoffnungslos überfüllte BMW Halle. Horden extrem aufgeregter IAA-linge drängeln sich um extrem hässliche High-Tech Autos und wollen alle probesitzen. Nein, ich bin weder hypochondroid noch paranoid und auch nicht begeisterungsunfähig. Aber ich verstehe trotzdem nicht, warum man so scharf drauf sein soll, seinen Hintern in ein Fahrzeug zu schwenken, in dem schätzungsweise 5.000 andere Ärsche vorher gesessen haben. Ist es ein so tolles Gefühl, Lenkräder, Schalter und Knöpfe anzufassen, die vorher schätzungsweise 2 Millionenmal von irgendwelchen Grabbelfingern betatscht worden sind, die vielleicht 10 Minuten vorher noch einen möglicherweise ungepflegten Pillemann in der Hand hielten oder den vollgepissten Spülknopf des Herrenpissoirs gedrückt haben, ohne sich danach die Pfoten abzuwischen? Mir kommt in den Sinn, dass ein IAA Ausstellungsfahrzeug eine optimale Gelegenheit sein dürfte, Deutschland in Nullkommanix von einer nicht unerheblichen Anzahl unterbelichteter Individuen zu befreien - man brauchte dabei zu den Millionen Tripper-, Syhillis-, Hepatitis- und sonstige Viren auf einem solchen Lenkrad nur mit einem weiteren tödlichen Virus zu infizieren, der in Verbindung mit den Berühren der Möpse des Titelmädchens in der aktuellen BILD Zeitung zum plötzlichen Herztod führt.

14:00 Uhr: Ich entdecke drei große Bildschirme, auf welchen die BMW Messeneuheiten präsentiert werden - zu jeder vollen Stunde von einem offenbar beim "Offenen Bürgersender Darmdorf" aussortieren Moderator, der dabei live gefilmt wird. Live! Film! Fernsehen! Kamera! Cool!!! Ich presche mich nach vorne und versuche, möglichst effektiv und lange im Blickfeld der Kamera zu sein, dieser möglichst aufgeregt zuzuwinken und dabei so pubertär und verlegen wie irgendwie möglich zu Grinsen.

14:05 Uhr: Die Kamera versucht mir zu entkommen und schwenkt hoch. Darauf bin ich vorbereitet! Schnell hole ich mein Pappschild mit der Aufschrift "Ich grüße meine Oma in Brechen!" heraus und halte es über meinen Kopf in die Kamera. Der Moderator ist nicht mehr zu erkennen, die Kamera versucht, die Position zu wechseln und wenn ich eine Oma in Brechen hätte, würde die sich jetzt bestimmt höllisch freuen.

14:10 Uhr: Der Moderator steigt von seiner Bühne und interviewt ein paar Besucher. Ich drängle mich zum Ort des Geschehens und schaffe es, mit einer Hand volle 20 Sekunden lang zwei Finger hinter seinem Kopf hochzuhalten. Mit der anderen winke ich weiterhin wie blöd und versuche währenddessen, andere Besucher, die auch ins Bild wollen wegzudrängeln.

14:12 Uhr: Ich merke, dass ich mit meinem Verhalten irgendwie gar nicht auffalle. So macht das keinen Spaß. Da müssen härtere Kaliber her.

14:15 Uhr: Ich widme mich also lieber den auf die den Bildschirm bzw. den Moderator begaffende Menge, drängle mich vorsichtig hinein und dabei an verschiedenen Leuten vorbei, um mich dann unmittelbar vor deren Nase aufzubauen. Zwar habe ich dabei ständig verärgerten Atem im Nacken, aber ich sehe mehr! Aber auch dieses Spiel wird schnell langweilig.

14:30 Uhr: Ich schlendere zu den BMW Geländewagen. Vor der Fahrertür eines besonders exklusiven Exemplars des ultimativen Sportwagens für Oberförster und Großstadtcowboys steht die übliche Schlange tennisbesockter IAA-linge, die sich vermutlich noch nicht einmal die Anzahlung für dieses Fahrzeug leisten können. Insgesamt bekommt man beim genauen Betrachten der Leute dort den Eindruck, als ob hier die Bewerber für das Casting der neuen ZDF Vorabendserie "Der Förster vom Odenwald auf großer Butterfahrt" Schlange stehen. Wie dem auch sei - die Beifahrerseite interessiert offenbar niemanden. Außer mir. Ich besteige also das Fahrzeug, lächel dem offenbar im 15. Monat schwangeren Kugelfisch mit Hut neben mir zu, der es mit hochrotem Schwitzkopf endlich geschafft hat, den Fahrersitz zu erklimmen, öffne das Handschuhfach, lasse mein Handgranatenfeuerzeug dort hineingleiten, wünsche dem entsetzt glotzenden Fettgesicht neben mir noch viel Spaß mit dem Auto und mache mich schnellstens durch den Hinterausgang von dannen.

15:00 Uhr: Ich habe Hunger und hole mir eine schöne fettige tropfende Bratwurst mit Brötchen. Obwohl mein Magen knurrt beherrsche ich mich, esse das Ding nicht und stürze mich wieder ins Gedränge auf dem Weg zum VW-Stand. Dabei versuche ich, möglichst vielen Leuten vor mir Bratwurstfett auf die Schulter, die Frisur oder sonst wohin tropfen zu lassen.

15:20 Uhr: Ich entdecke einen Passat TDI. Jetzt wird's ernst! Zuerst einmal besichtige ich den exklusiven Innenraum mit hellbeiger Nappalederinnenausstattung ausgiebig mit meiner tropfenden Bratwurst und teste dabei intensiv die Kinderverträglichkeit dieses Vertreterautos. Ich stelle fest, dass eine ausgewachsene Bratwurst in voller Pracht und Länge in den Aschenbecher passt, wenn man nur lange genug drückt.
Auf dem Fahrersitz spiele ich ein bisschen mit der Verstellautomatik herum, bis ich die Funktionsweise verstanden habe, warte, bis hinter mir ein nicht gerade kleingewachsener Mittdreißiger offensichtlich die Geräumigkeit auf der Rücksitzbank testen möchte und sich auf den Rücksitz hinter mir zwängt und fahre den Sitz genau in dem Moment mit aller Wucht zurück, bis ich einen wütenden Schrei höre. Ich blicke mich entschuldigend um, tue so, als ob ich mit der Sitzverstellung nicht klarkomme und lege die Rücksitzlehne ganz aus Versehen noch weiter nach hinten um. So ein Pech! Ich beobachte im Rückspiegel das langsam rot anlaufende Gesicht meines Hintermannes und mache die interessante Erfahrung, dass sich durch ein Betätigen der Sitzhöhenverstellung der Sitz noch ein paar Zentimeter mehr nach hinten bewegen lässt. Von hinten ertönt ein unartikuliertes Japsen.

15:25 Uhr: Ich entdecke ein Navigationssystem und teste ausgiebig sämtliche Funktionen.

15:45 Uhr: ich stelle fest, dass ich mir keinen VW Passat kaufen werde. Vor allem deshalb, weil mir die Sitzverstellung einfach nicht einfach genug konstruiert ist. Also verlasse das Fahrzeug wieder, winke dem immer noch mit hochroter Gesichtsfarbe wild gestikulierenden und offenbar eingeklemmten auf der Rücksitzbank fröhlich zu und tauche gutgelaunt im Gedränge unter.

16:15 Uhr: Nachdem ich mich durch das Vorfeld mit unzähligen Klein- und Kompaktwagen gequält habe stehe ich vor meinem letzten Opfer: Einem neuen mit High Tech vollgespickten und nicht gerade billigen Audi A8. Ich warte geduldig bis sich die obligatorische "ich-will-auch-mal-in-einem-auto-sitzen-dessen-anzahlung-ich-mir-noch-nicht-mal-leisten-kann"-Schlange aufgelöst hat und setze mich in diese exklusive Nobelkarosse, die über so ziemlich alle machbaren technischen Gimmicks verfügt. Ich schließe die Tür, suche und finde schließlich auch eine kleine Abdeckung im Armaturenbrett, die sich problemlos heraushebeln lässt, lasse das eingeschaltete und deshalb laut pfeifende Hörgerät vom Flohmarkt dort hineinfallen, schließe die Abdeckung wieder und gebe der das Auto flankierenden äußerst aparten Audilette ein Zeichen, dass ich eine Frage habe.

16:30 Uhr: Ich bitte die neben mir auf dem Beifahrersitz Platz nehmende Audilette die Beifahrertür zu schließen, frage sie, woher denn der Pfeifton herkommt, den ich als äußerst störend empfinde, mache es mir bequem und schaue zu, wie sich die ratlose Dame durch sämtliche Menüs des multimedialen Bedienungssystems dieses High Tech Autos quält.

16:45 Uhr: Das multimediale Bedienungssystem ist umfangreicher als ich dachte.

17:00 Uhr: Die Audilette neben mir quält sich immer noch verzweifelt durch die Menüs. Ich murmele etwas von "schlechter Verarbeitung" und mache einen kleinen Spaziergang durch die Ausstellungshalle.

17:15 Uhr: Im pfeifenden A8 sitzt neben der Audilette noch ein Audiler mit einer Bedienungsanleitung, die vom Umfang her an die neueste Kurzausgabe des Brockhaus erinnert. Ich drehe eine weitere Runde.

17:30 Uhr: Rund um den pfeifenden Audi ist ein Absperrungsband gezogen. Im Auto sitzen 4 Personen mit Handbüchern, die wild gestikulieren. Ich hole mir etwas zu trinken.

18:00 Uhr: Zwei der vorhin noch im Audi sitzenden Personen mit Handbüchern sind offenbar durch Bundesgrenzschutz-Beamte ersetzt worden. Das wird bestimmt noch lustig hier... die Batterien halten nämlich knapp eine Woche. Ich überlege, ob das Auto total auseinander genommen werden muss oder gleich auf dem Messeparkplatz gesprengt wird und mache mich auf den Weg nach Hause.

18:30 Uhr: Zusammen mit zig anderen IAA-lingen erreiche ich den Ausgang, begebe mich zur S-Bahn-Haltestelle, erdrängle mir mit meinen Ellenbogen einen Sitzplatz gegen ein paar kleingeistige Rentner, besteige eine halbe Stunde später meinen ICE, in dem ich die Sitzplatzreservierungsschilder so umtausche, dass in der ersten Stunde der an für sich langweiligen Bahnfahrt für kurzweilige Unterhaltung in Form sich heftig um die Sitzgelegenheiten streitenden Reisenden gesorgt ist, werde diesbezüglich auch nicht enttäuscht und schaffe es auch diesmal, der hinter mir sitzenden Person ihren Kaffee durch ein heftiges Verstellen des Sitzmechanismus im richtigen Moment auf die Klamotten zu kippen.

22:00 Uhr: Der Zug erreicht den Zielbahnhof. Ich nehme mir ein Taxi, weise den Taxifahrer während der Fahrt eindringlich auf rote Ampeln, zu überholende Fahrzeuge, Zebrastreifen, optimale Fahrtspurenwechsel und die richtige Schaltweise hin und torpediere die Erleichterung im Gesicht des Chauffeurs bei der Ankunft am Zielort gleich wieder dadurch, dass ich mit freundlichem Grinsen einen 500 Euro Schein hinhalte und säusele: "Ich hab's leider nicht kleiner"...

Zwei Stunden später sinke ich müde aber hochzufrieden in die Kissen meines Bettes und freue mich schon auf die nächste IAA. Schade, dass es erst wieder in zwei Jahren soweit ist. Bis dahin hab ich hoffentlich genug neue Ideen...

Greetz vom schraubenden Akademiker ohne Plan www.tschok.de.vu
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